MOMENTE

MOMENT 3.21 – verlorene Zeit

Während sie so liest und dazwischen ihre Gedanken auf die Reise gehen, wird ihr plötzlich bewusst, wieviel Zeit sie verloren hat.

Es gab mal eine Zeit, da hatte sie das Gefühl nicht, die Zeit zu verlieren. Es war die Abendschulzeit, viereinhalb Jahre stetiges abendliches Lernen. Es war die Zeit des Entdeckens, eine Zeit des Aufbruchs. Gerade jetzt hat sie dieses Gefühl des Entdeckens wieder, weil sie wieder in die Welt des Wissens eintaucht.

Aber viele Jahre liegen zwischen der Abendschule und dem heute. Doch hat sie die Zeit wirklich verloren? Nein – nicht. Sie hat viel über Zwischenmenschlichkeit und Zusammenleben gelernt und viel darüber, wie es nicht funktionieren kann. Da ist es kein Wunder, dass sie so gerne allein ist.

„Der Mensch ist ein soziales Wesen“, hört sie ihre Psychotherapeutin sagen. Doch sie hat das Gefühl, kein soziales Wesen zu sein. Einsamkeit und Stille, ja, danach hat sie ein immens großes Bedürfnis. Einzig das Lesen empfindet sie als sozialen Kontakt, und zwar zu dem Menschen, der ihr sein Geschriebenes entgegen bringt. So will sie es sehen und nicht anders…

 

MOMENT 2.21 – Seelenkram

MOMENT 4.21 – Die Macht der Erinnerung

6 Gedanken zu „MOMENT 3.21 – verlorene Zeit“

  1. Oh ja, ich hatte auch diese Abendschulzeit. Anfang des Jahrtausends (wie das klingt…) habe ich meinen Realschulabschluss im Abendkurs nachgeholt. Und das war die schönste Schulzeit meines Lebens. Gut, das war keine Kunst, denn die Schule vorher war der Horror und Grund dafür, dass ich erst später meinen Realschulabschluss machen konnte. In dieser Zeit jedenfalls lernte ich viele nette Leute kennen – Mitschüler, aber auch Lehrer. Es war ein völlig anderes Lernen und ich wollte dieses Wissen. Es machte Spaß, für mich war es auch die Zeit des Entdeckens und des Aufbruchs. Ganz am Anfang hielt der Kursleiter mal eine Rede, dass dieser Realschulkurs für viele ein Neubeginn sei und dass man sich in dieser Zeit verändern würde, nicht mehr so wäre wie zuvor. Andere schmunzelten, ich konnte das nachvollziehen. Denn neben dem fachlichen Wissen, lernte ich vor allem sehr viel Zwischenmenschliches. Ich lernte, wie gut es mir tat, in dieser Gemeinschaft zu sein. – Und nicht mehr der Ausgegrenzte.
    Ich möchte diese Zeit nicht missen. Ja, und gleichzeitig kan ich den Teil mit dem „sozialen Wesen“ nachvollziehen. Ich denke auch immer öfter, vielleicht bin ich eben einfach nicht der typische Mensch. Ich will nicht sagen, dass ich andere Menschen ablehne. Überhaupt nicht. Aber ich habe so eine gewisse Grund-Distanz, brauche nicht regelmäßig die großen Menschenmassen oder etliche Freunde um mich herum. Ich komme eigentlich auch so ganz gut klar, viel in der Natur und auch beim Lesen. Denn wie Du – wie ich finde – sehr treffend schreibst: Auch Lesen ist ein sozialer Kontakt. Je nach Text findet man auf diese Art vielleicht einen tieferen Einblick in die Seele des anderen, als durch manches Gesrpäch.
    Sehr sehr schöner Text, finde ich.

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  2. Die Zeit an der Abendschule war wohl die großartigste meines Lebens! Wir Schüler waren mitten dabei, das Ruder des Lebens noch einmal herum zur reißen. Und mein Deutschlehrer hielt viel von mir. Ich habe von ihm mehr gelernt, als ich das an der Universität tat. Die verschworene, motivierte Gemeinschaft, die wir waren – musste am Ende wieder aufgegeben werden, sie zerstreute sich in alle Winde. Weil das der Lauf des Lebens ist, (Nur mal so zur Information: Wir hatten fünfmal die Woche Unterricht von 17 bis 22 Uhr. Jeder Personalchef hat mich dafür bei Bewerbungen respektiert.)

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieber Christoph! Da fühle ich so richtig mit dir mit, wenn du deine Zeit in der Abendschule beschreibst. Auch mein Deutschlehrer blieb mir stark in Erinnerung. Er sagte mir mal, dass er sich meine Schularbeiten beim Korrigieren immer bis zum Schluss aufbehielte. Hat mich sehr gefreut, das Kompliment…
      Ja, ja … ich lerne Altgriechisch, weil ich mir damit einen Traum seit der Abendschule erfülle. Altgriechisch war einfach wegen der eng bemessenen Zeit nicht mehr drin damals.
      Find ich toll, dass du wieder studierst, an der Uni mein ich.
      Im übrigen finde ich dein Blog sehr interessant und schaue sehr gerne bei dir vorbei.
      Alles Liebe von Maria 🙂
      PS: Als „Greis“ würde ich dich noch nicht bezeichnen… 😉

      Gefällt 2 Personen

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