MOMENTE

MOMENT 9.21 – Ausstieg

Still ist es. Von ferne her höre ich ein Auto, aber nur so leise, dass ich es gerade noch wahrnehme. Nur der Laptop surrt ein wenig, kaum hörbar. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen. Ich surfe wieder einmal auf einer Welle. Endlich stehe ich wieder auf dem Brett und bin nicht mehr unter Wasser.

Eigentlich sollte ich schlafen. Leider zeigen die genommenen Medikamente keine Wirkung, trotz der hohen Dosis, die ich nahm.

Nun setze ich meine Kopfhörer auf und höre Musik, laut, so wie ich es mag.

Ich habe viel Zeit zum Nachdenken. Nachdenken über mich, über mein Leben, über meine Mitmenschen.

Am meisten beschäftigt mich zur Zeit mein Ausstieg aus der Zeugen Jehovas Gemeinschaft. Ich habe ihn vor einiger Zeit vollzogen, meinen Ausstieg, innerlich wie äußerlich. Lange Zeit war ich in der inneren Emigration. Nun habe ich den Schritt nach außen gewagt.

So ein Schritt hat umfassende Folgen. Man wird von der gesamten Zeugen Jehovas Gemeinde geächtet. Dabei ist es egal ob jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird oder ob jemand von sich aus die Gemeinschaft verlässt. Man verliert praktisch von einem Tag auf den anderen sämtliche gemeinschaftlichen Kontakte einschließlich die der Familie.

Aber nun habe ich meiner Familie offenbart, dass ich keine gläubige Zeugin Jehovas mehr bin und aus der Gemeinschaft aussteige.

Ich glaube schon lange an keinen Gott im Sinne der Zeugen Jehovas mehr. Zu viel habe ich gelesen und mich weiter gebildet. Ich sehe die vielen Religionsgemeinschaften als verschiedene Planeten. Und mich sehe ich auch auf einem Planeten, dem Planeten der Atheisten. Ich habe die Möglichkeit, andere Planeten zu bereisen und nehme mir von den jeweiligen Planeten das mit, was ich brauchen kann. So ein schlichtes Bild habe ich mir zurecht gelegt.

Von diesem Bild habe ich auch meinem Vater und meinem Bruder erzählt, um ihnen meine Entscheidung leichter verständlich zu machen.

Mein Bruder hat sich im Wesentlichen von mir zurückgezogen und mein Vater hat den Part des Mich-Bekehrens übernommen.

Das Sich-Zurückziehen und das Ächten von einem Menschen der die Gemeinschaft verlassen hat beschreiben die Zeugen Jehovas als „liebevolle Maßnahme“ den Sünder wieder zur Rückkehr in die Gemeinschaft zu bewegen. Wie grotesk.

Ich bin aufgewachsen in dieser Gemeinschaft und kenne alle Praktiken, wie man durch sanften Druck auf konform gehen mit allen Gedankengängen, die vorgeschrieben sind, hin gelenkt und geleitet wird. Auch die Zeitschriftenartikel sind entsprechend aufgebaut. Der Aufbau ist immer derselbe: Fakt Eins, Fakt Zwei, Fakt X und dann: „Wir schließen daraus…!“ Das ist dann die herrschende Meinung unter den Gläubigen, die Muss ist. Diese Artikel werden bis aufs Äußerste durchgekaut und durchbesprochen, bis jeder die Gedankengänge auch im Sinne der leitenden Körperschaft (das leitende Gremium in Amerika) verstanden hat.

Ich bin sehr froh, dass ich eine Schwester habe, die dieser Gemeinschaft schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat. Sie ist ein wunderbarer Mensch. Mit ihr kann man sich großartig unterhalten. Sie hat die Machenschaften dieser „Sekte“ gut durchschaut und ist mir ein einfühlsamer Gesprächspartner.

Es gibt faktisch keine Religionsfreiheit, wenn man bei den Zeugen Jehovas aufwächst. Man wird darauf gedrillt, in der Gemeinschaft zu bleiben, sich taufen zu lassen und ein treues Mitglied zu werden. Andernfalls droht Ächtung.


Habt eine geruhsame Restnacht ihr Lieben!
Lieben Gruß von einer nachdenklichen
Maria

MOMENT 8.21 – Alles durcheinander

MOMENT 10.21 – Keine Worte

21 Gedanken zu „MOMENT 9.21 – Ausstieg“

  1. Liebe Maria ich grüße dich!
    Respekt, du hast eine mutige, aber heilsame Entscheidung getroffen.
    Ich wünsche dir alle Kraft und den Mut mit der Ausdauer, dass du dich für den nun eingeschagenen Weg entscheidest. Alles andere wäre eine Katastrophe. Ich kenne die Zeugen und mir ist sehr bewusst, was sie im Namen Jehovas anrichten.
    DIr alles Wunderbare und Herrliche!
    M.M.

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  2. Du bist wahnsinnig mutig und ich hoffe, dass du diesen Schritt so unbeschadet wie möglich durchziehen kannst. Es wäre anmaßend zu behaupten, dass ich deinen Kummer kennen würde, aber kenne jemanden, der versucht hatte ebenfalls auszusteigen und diese Person ging durch die Hölle. Vor allem, wenn man ein an sich gutes Verhältnis zur Familie hat. Es tut so weh und ich finde es traurig, wenn man eine Religion über sein eigen Fleisch und Blut steht. Ich wünsche dir auf alle Fälle viel Kraft und alles Gute! ♥

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  3. Das eine Wort genügte, um mir Deine Qual zu verdeutlichen: „Sekte“. Könnte ich meine Religionszugehörigkeit zur kath. Kirche auch Sekte nennen? Ein Unterschied ist, ich bin ausgetreten. Ohne Konsequenzen. Nach 10 Jahren wieder eingetreten und feierlich in einer Zeremonie begrüßt. Dazwischen? Nichts.

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    1. Lieber Christoph, ja, es war eine Qual. Ich schreibe grade (fast täglich) an meinem Buch in dem ich die Missstände die so ein Sektenleben mit sich bringt beschreibe. Ob ich es veröffentlichen werde, weiß ich nicht.
      Darf ich fragen, warum du wieder eingetreten bist? Würde mich wirklich interessieren. Wenn du magst, kannst du mir auch gerne persönlich schreiben an maria.malrapide@gmail.com.
      Alles Liebe dir von Maria 🙂

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  4. Deine Schwester hatte es vielleicht noch schwerer als Du, weil sie die erste aus der Familie war, die ausgetreten ist. Ich fand es toll, als Du auch ausgetreten bist und find es immernoch. Gehört sicher viel Stärke dazu. Diese Ächtung von denen ist bestimmt sehr kränkend auch. Hoffe, Du lässt das nicht zu nah an Dich ran. Es ist rein egoistisch von der Sekte und auch deren Anhängern und hat nichts mit Deinem eigenen Selbstwert zu tun! Gut, dass Du Deine Schwester hast und mit ihr über alles reden kannst! Gut, dass du diese lange prägende Lebensphase hinter Dich gebracht hast.
    Liebe Grüße!

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  5. Du hast durch Deinen Ausstieg eine großartige Leistung vollbracht, das kann ich nur bewundern. Ich hatte eine Freundin, die Zeugin Jehovas war und immer wieder versucht hat, mich zu „bekehren“. Inzwischen ist sie glücklicherweise auch ausgestiegen, aber von ihr weiß ich, wie schwer das ist und wieviel Druck immer wieder aufgebaut wird.
    Es erfordert sehr viel Mut, und es ist gut, dass Du wenigstens einen vertrauten Menschen hast, der Dich sehr gut versteht, weil er das auch kennt.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Mut, Du wirst es schaffen !
    Liebe Grüße Marie

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