MOMENTE, MUSIK

MOMENT 27.22 – Jarre auf Schleife

In den Tiefen meines Rechners habe ich dich wieder entdeckt. Von einem lieben Freund stammst du. Ich starte dich und stelle dich auf Schleife.

Mit einem Schlag bohrst du dich über meine Kopfhörer in mein Gehirn. Sofort schwingen meine Neuronen mit dem Beat, der meinen Atem stocken lässt. Meinen gesamten Körper erfassen die Laute.

Irrational verwächst sich das Notenkonstrukt mit meiner Seele. Es drückt meine Art zu Fühlen aus. Gleichklang in allen Winkeln meines Innersten.

In Gedanken bewege ich mich auf eine Tanzfläche zu. Meine noch zaghaften Bewegungen werden von der Musik angetrieben. Erst sind es nur kleine Impulse, die meine Arme zucken lassen. Meine Beine haben längst ihren Rhythmus gefunden. Weiter, weiter tragen sie mich. Nichts hält mich mehr zurück. Ein Schwall an Schwung lässt meine Hüften wiegen. Hin und her, rauf und runter, immer im Schritt des Beats. Mein Kopf wiegt sich in den maximalen Auslenkungen der realen Schallwellen, die mich in eine Welt der Fiktion tragen.

Schon schwebe ich über einem weißen Blumenmeer, das sich federnd im Wind von der Musik tragen lässt. Meine Augen sind zu, immer tiefer dringt das Tongemälde ein in mein Gedärm. Keine meiner Zellen wagt es, sich anders als im Rhythmus zu bewegen.

Ich tanze, beuge meinen Oberkörper, um ihn im nächsten Moment wieder zu heben. Meine Hände beschreiben Schlingen im Raum. Und weiter drehe ich mich, meine Hüften weiter schwingend.

Ungeahnte Energien entschlüpfen meinem Solarplexus. Gänzlich ausgeschaltet sind meine Gedanken. Es regiert mein Unterleibsgehirn. Ich drehe mich immer mehr, immer weiter im Kreis, wie ein Derwisch. Schier unerschöpflich ist meine Ausdauer.

Immer wieder will ich, immer noch mehr wünsche ich zu hören. Unersättlich, gierig, exzessiv und maßlos ertrinke ich im tönenden Drogenmeer…

Jean-Michel Jarre – Chronology, Pt. 4

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MOMENT 26.22 – Fortgeflogen

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MOMENTE

MOMENT 26.22 – Fortgeflogen

Ich entsteige, entfliehe dem Lebensstrom, der mich fortgerissen hat mit seiner Zerstörungswut. Sanft entschwebe ich all dieser Energie. Einem Schmetterling gleich flattere ich hoch, erst noch trudelnd, dann in behutsamen Schwingen, dem Licht entgegen, alles Finstere hinter mir lassend.

Langsam blicke ich hinter mich und sehe züngelnde rotviolette Flammen, die sich nach mir ausstrecken, sich nach mir recken, um mich zu verschlingen.

Aber ich spüre DEINEN Lebensodem, der mit diesem Feuer nichts gemein hat. Es ist ein würziger Luftstrom, der sich durch meine Nase seinen Weg bahnt. Dieser nährt meine schlaffen Zellen und lässt sie wieder erstarken. Doch noch geschwächt falle ich in DEINE Arme.

Besinnungslos war ich, etwas Wildes hat meinen Blickwinkel, meine Perspektive verdeckt. Reste von ihm haften mir noch an, doch ich schüttle meine Flügel und streife alles von mir ab, was gegen den Strich sich aufbäumt, bis mein Fell im Widerschein des Lichts sich wieder an meine Haut anschmiegt und sauber glänzt.

Schon spüre ich, wie die Flammenhitze abnimmt. Ich pflege meine Blessuren, lasse sie durch DEINE sanfte, mich streichelnde Liebe gesunden. DEIN Wind trägt mich fort in eine andere Welt, die mit Hoffnung verbunden ist, eine Welt, in der ich beschützt werde, weil DU nichts Böses zulässt.

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MOMENT 25.22 – Das fromme Lied

MOMENT 27.22 – Jarre auf Schleife

MOMENTE

MOMENT 25.22 – Das fromme Lied

Soeben hat der Redner das Schlussgebet angekündigt, aber vorher ist noch ein Lied zu singen.

Als die ersten Töne zum Mitsingen erklingen, schnürt es mir die Kehle zu. Schwerer Druck lastet auf meiner Brust. Ich kann nur mehr flach atmen. Mein Geist entfernt sich vom Außen ins Innere, er lässt meinen Kopf anschwellen. Das Gefühl, das sich meiner bemächtigt, lässt mich erschaudern. Meine Gedanken sind nicht mehr zielgerichtet. Sie hängen wie Nebelschwaden vor mir und verfinstern mir den Blick, der vergeblich sucht nach einem Neubegreifen.

Meine zitternden Hände umklammern das geschlossene Liederbuch. Unfähig bin ich, es aufzuschlagen. Ich spüre in mir ein starkes Anwachsen eines Glühwürmchenvolkes, das meine Eingeweide grün erleuchtet. Wuselnd drängen sie nach oben, verstopfen den anschwellenden Hals. Kein Ton will aus ihm erklingen.

Es ist ein Lied aus einer längst vergangenen Zeit, es quält mich.
Herzzerreißende Töne.

Mit welcher Inbrunst habe ich es gesungen, damals, als ich noch Kind war und noch unschuldig in die Zukunft meinen Blick warf. Meine Stimmbänder waren noch nicht mit Ameisen übersät, waren geschmeidig, glockengleiche ehrliche Töne fabrizierten sie.

Selbst wenn ich es heute wieder möchte, könnte ich es nicht mehr – das Singen.

Aber DIR nahe sein, das habe ich wieder gefunden.

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MOMENT 24.22 – Eine Blüte im Herbst

MOMENT 26.22 – Fortgeflogen

COUCH-GESCHICHTEN

COUCH-GESCHICHTEN 24.22 – Ver(w)irrung im Dickicht

Süßlichmodrige Nebelschwaden bemächtigen sich meiner Geruchsnerven. Dämmriges Licht umarmt mich, während ich mich weiterbewege. Das mich umhüllende Tunnelschwarzgrün lastet auf mir wie ein Tarnanzug. Zunehmend schwer fällt mir jeder Schritt. Meine Füße stecken in klobigen Bergschuhen, an die sich der zähe Morast festklammert. Eine urtümliche Angst vor der nahenden Dunkelheit lässt mich schneller gehen. Es ist aber eher ein Schlurfen als ein Gehen.

Seit Stunden, ja, es müssen schon Stunden sein, suche ich meinen Weg zurück. Ich muss mir nun doch eingestehen, mich verlaufen zu haben. Obwohl, ich will es nicht wahrhaben. Immer noch denke ich, einen zitternden Strauch oder einen mich streifenden Ast wieder zu erkennen, eine nicht mehr vorhandene Spinnwebe wahrzunehmen. Doch meine Sinne sind nicht mehr geschärft, weder der Sehsinn, noch der Tastsinn, noch der Geruchssinn. Wobei mich Letzterer noch nie verlassen hat. Das verwirrt mich.

Meine Kehle fühlt sich trotz der feuchtschweren Luft ausgetrocknet an. Wo habe ich nur meine Wasserflasche. Da fällt mir ein, dass ich sie seit meiner letzten Rast nicht mehr bei mir habe.

Höre ich da ein Wasserrauschen? Trübt mich mein Gehör? Ist es ein Bild meiner Fantasie? Oder ist das nur der kommende Nachtwind, der die Blätter zum Singen bringt?

Schon sehe ich den Mond, der sich zwischen die Baumkronen setzt, um mich dann zu verfolgen.

Mein Zelt haben wahrscheinlich die Hyänen gefressen.

Man hat mich vertrieben aus meiner Zeit und jetzt jagt mich ein Himmelskörper, dessen Gesicht mich gehörig beobachtet. Meine Zeit ist das Jahr 2022…

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COUCH-GESCHICHTEN 23.22 – Gedanken in der Stille