MOMENTE

MOMENT 25.22 – Das fromme Lied

Soeben hat der Redner das Schlussgebet angekündigt, aber vorher ist noch ein Lied zu singen.

Als die ersten Töne zum Mitsingen erklingen, schnürt es mir die Kehle zu. Schwerer Druck lastet auf meiner Brust. Ich kann nur mehr flach atmen. Mein Geist entfernt sich vom Außen ins Innere, er lässt meinen Kopf anschwellen. Das Gefühl, das sich meiner bemächtigt, lässt mich erschaudern. Meine Gedanken sind nicht mehr zielgerichtet. Sie hängen wie Nebelschwaden vor mir und verfinstern mir den Blick, der vergeblich sucht nach einem Neubegreifen.

Meine zitternden Hände umklammern das geschlossene Liederbuch. Unfähig bin ich, es aufzuschlagen. Ich spüre in mir ein starkes Anwachsen eines Glühwürmchenvolkes, das meine Eingeweide grün erleuchtet. Wuselnd drängen sie nach oben, verstopfen den anschwellenden Hals. Kein Ton will aus ihm erklingen.

Es ist ein Lied aus einer längst vergangenen Zeit, es quält mich.
Herzzerreißende Töne.

Mit welcher Inbrunst habe ich es gesungen, damals, als ich noch Kind war und noch unschuldig in die Zukunft meinen Blick warf. Meine Stimmbänder waren noch nicht mit Ameisen übersät, waren geschmeidig, glockengleiche ehrliche Töne fabrizierten sie.

Selbst wenn ich es heute wieder möchte, könnte ich es nicht mehr – das Singen.

Aber DIR nahe sein, das habe ich wieder gefunden.

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©MER
Foto: pixabay

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3 Gedanken zu „MOMENT 25.22 – Das fromme Lied“

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