MOMENTE

MOMENT 24.22 – Eine Blüte im Herbst

Zart liegst du da auf dem marmorglitzernden Boden im Regensonnenlicht. Herabgeschwebt bist du gestern federleicht mit einer Windbö. Tauschwer erwachtest du heute Morgen auf der windgeschützten Stiege. Deine Farbe Pink hast du behalten, deine feingliedrige Maserung ebenfalls. Du könntest noch länger als Schmuck dienen, du hast nichts von deiner schillernden Schönheit verloren. Nur der Zweig, an dem du hingst, der löste sich von dir, weil es Zeit war.

Da wirst du plötzlich von Menschenhand vom Marmor gefegt, weil Herbst ist.

Aber du weißt … nächstes Frühjahr kommst du wieder…

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Foto: MER

©MER

MOMENT 23.22 – Die Elster

COUCH-GESCHICHTEN

COUCH-GESCHICHTEN 23.22 – Gedanken in der Stille

Ich sitze an meinem Esstisch und rühre in meinem Kaffee. Ein Stückchen Brot folgt den kreisenden Bewegungen des Löffels in der Suppe und tut so, als ob es ertrinken würde. Schnell will ich es retten, da ist es schon so vollgesogen, dass es in dem Braun verschwindet. Doch mein kräftiges Quirlen bringt es wieder an die Oberfläche. Ich fange es mit dem Löffel auf.

Während ich dieses Spiel meiner Hand beobachte, lasse ich meine Gedanken ziehen.
Gestern bin ich neunzig geworden. Ich habe immer gesagt, dass ich neunzig Jahre alt werde, aber dass ich einmal älter werde, habe ich nicht gedacht.

Vor fünfunddreißig Jahren bin ich in meine Wohnung hier eingezogen. Sie hat einen großen Balkon, auf dem ich schon einiges ausprobiert habe, Rosen züchten, dann versuchte ich es mit Kräutern und Gemüse. Lange hatte ich ein weißes Blumenmeer. In diesem Kleid war mir der Balkon am liebsten. Das Pflanzen habe ich aufgegeben, es ist mir zu mühsam geworden.

Oft saß ich an meinem Balkontisch an meinem Laptop und mein Blick schweifte in die Ferne, hin zum Hausberg meiner Stadt. Dieser Ausblick ist mir über die Jahre lieb geworden. Es verbinden mich viele Erinnerungen mit diesem Berg.

In meiner Wohnung hat sich in den fünfunddreißig Jahren nicht viel geändert. Ich habe alles so belassen, wie ich es beim Einzug eingerichtet habe. Die weißen Möbel sind immer noch so blank wie am Anfang. Und das glatte Beige der Küche glänzt immer noch. Ich habe mich auch besonders um alles gekümmert all die Jahre.

Ich mache alles selbst und brauche noch keine Hilfe. Und das ist mir und war mir immer wichtig, die Selbstständigkeit.

Auch habe ich mit der Technik, so gut es ging, Schritt gehalten. Mit neunzehn Jahren hatte ich meinen ersten Computerkurs, das war 1987, oh ist das lange her.
Heute bin ich stolze Besitzerin eines kleinen Laptops samt Drucker und WLAN-Anbindung, eines iPads, eines Smartphones und eines elektronischen Klaviers, und, ich kann mit diesen Geräten gut umgehen und brauche nur bei gröberen Sachen, wie Festplattentausch, Hilfe, und da hilft mir mein Neffe, der Maschinenbauer.

Einen Blog führe ich auch seit nunmehr fast vierzig Jahren. Dieses Schreiben hat mir viel Freude bereitet. Es haben sich auch einige Bekanntschaften und sogar Freundschaften aus der Kommunikation mit Lesern entwickelt.

Ich habe die letzten fünfunddreißig Jahre allein gelebt. Das ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin richtig süchtig geworden, nach dem Alleinsein. So war es mir möglich, meinen eigenen Zielen und Sehnsüchten zu folgen. Und da gibt es noch so einige, deren Erfüllung ich noch harre.

Einen Traum habe ich mir bis jetzt noch nicht erfüllt. Ich wollte immer gerne mal Ebbe und Flut sehen an der Nordsee. Diese Reise kam einfach nicht zustande. Vielleicht wird es meine letzte Reise werden.

Ich bedaure nichts in meinem vergangenen Leben. Jede Erfahrung, die ich machte, brachte mich ein Stückchen weiter. Die Entscheidungen, die ich traf, waren zu dem jeweiligen Zeitpunkt richtig, später hätte ich wohl vielleicht manches Mal in derselben Situation anders entschieden.

Viele Menschen haben meinen Weg gesäumt, sind gekommen und wieder gegangen. Geblieben sind wenige und die geblieben sind, das sind echte Freunde, wobei viele schon den irdischen Weg verlassen haben.

Was mir immer Lebenselixier war, war und ist mein Glaube an Gott. Er war mir immer nah und ist es immer noch. Er wird sich an mich erinnern, wenn ich dann mal einschlafe, davon bin ich überzeugt und das liegt nicht mehr weit in der Ferne…

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Ihr Lieben, das ist eine Geschichte, wie ich es mir vorstelle, wie es ist,
wenn ich 90 Jahre alt bin. Ich habe einfach meinen Gedanken freien Lauf gelassen.
Alles Liebe Euch von
Maria

COUCH-GESCHICHTEN 22.22 – Besondere Musik

MOMENTE

MOMENT 23.22 – Die Elster

Es regnet. Die Wolken türmen sich in allen möglichen Grauschattierungen auf. Hoch oben wehrt sich ein Sonnenstrahl gegen die Dunstdecke. Wie Feuer präsentiert sich ein Watterand.

Ich stehe am Fenster und lasse mich von dem Lichtspiel am Himmel beeindrucken.

Da landet ein wunderschöner Vogel auf dem hölzernen Balkongeländer. Es ist eine Elster. Sie pickt am Holz herum, scheint es eilig zu haben. Ihr schwarzes Köpfchen bewegt sich unentwegt, hierhin, dorthin und zurück, blitzschnell. Das prächtige Gefieder schillert lautstark in blauen, weißen und schwarzen Tönen.

Mit einem Mal dreht sich die Elster zu mir um. Sie sieht mir direkt mit wackelndem Köpfchen in meine Augen. Hinter ihr am Horizont ist plötzlich gleißendes Licht, die Sonne hat die Wolkendecke erfolgreich durchbrochen. Sie bringt die blauen Federn zum Glitzern. Der aufkommende Wind plustert das Gefieder der Elster auf. Dann dreht sie sich augenblicklich um, öffnet ihre Flügel, lehnt sich in den Wind und lässt sich von ihm in wellenförmigen Bewegungen forttragen.

Schon lange beobachte ich sie und ihre Artgenossen. Sommer wie Winter bewohnen sie die Bäume und das Dach des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

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MOMENT 22.22 – Einfach so
MOMENT 24.22 – Eine Blüte im Herbst

Foto: pixabay

©MER

WENIGE WORTE

WENIGE WORTE 7.22 – Wie oft noch?

Nähe
sehr nahe
zu nahe
Verletzung
plötzlich
große Distanz

Distanz
entfernt
weit entfernt
Verzeihung
langsame
Annäherung

Nähe
sehr nahe
zu nahe
schwere Verletzung
wieder
große Distanz

Distanz
Verzeihung
Nähe
Verletzung
Distanz

Angst, dir nahe zu kommen
Angst vor Verletzung

Wie oft verletzt du mich noch?
Wie oft soll ich dir noch verzeihen?

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WENIGE WORTE 6.22 – . . .

Foto: pixabay

©MER

WENIGE WORTE

WENIGE WORTE 6.22 – . . .

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Schnell waschen
schnell essen
schnell trinken
schnell fahren
schnell denken
schnell handeln
schnell einkaufen
schnell fahren
zu schnell
an den Baum gefahren
sein Leben
war zu schnell
tot
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Langsam waschen
langsam essen
langsam trinken
langsam gehen
langsam denken
langsam handeln
langsam einkaufen
langsam gehen
zu langsam
ausgespuckt aus der Gesellschaft
ihr Leben
war zu langsam
lebt
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WENIGE WORTE 5.22 – Ausgerutscht

WENIGE WORTE 7.22 – Wie oft noch?

MOMENTE

MOMENT 22.22 – Einfach so

Tun ohne Erklärung. Auch die Natur erklärt sich nicht. Sie wirkt einfach. Materie erklärt sich nicht. Sie ist.

Den eigenen Weg gehen, einfach gehen und tun, was gemäß einer Entscheidung zu tun ist. Machtspiele begleiten, wenn Erklärungen erwartet werden.

Der Drang zu erklären, wurzelt im Bedürfnis, sich zu fügen. Einem Harmoniebedürfnis, das über der Selbstwahrnehmung steht.

Abschied nehmen, wenn es Zeit ist zu gehen, weil Verletzungen zu viel geworden sind. Ohne Erklärung.

Gehen … einfach so …

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MOMENT 21.22 – Fortgegangen

MOMENT 23.22 – Die Elster

COUCH-GESCHICHTEN, MUSIK

COUCH-GESCHICHTEN 22.22 – Besondere Musik

Es ist Nacht. Stille um mich herum. Nur der Ventilator rauscht. Meinen Laptop auf meinen Knien. Licht nur vom Bildschirm.

Besondere Musik im Ohr.

Ganz zart schmiegen sich die Töne heran. Wie Tischtennisbälle die leise von Saite zu Saite hüpfen. Dann fließen sanfte Laute wie Nieselregen an einem Rosenstängel entlang, um dann anschwellend sich in einem Sternenregen zu ergießen.

Ich lausche gebannt.

Eine neue Notenfolge hebt sich fein aus einem Nebel heraus und schwebt dem Himmel zu. Sie bildet eine weiße Wolke. Ein Orchester nimmt diese Laute an der Hand und trägt sie begleitend durch die Nacht.

Fast schon endet das Lied in einer Stille, doch wiederholen sich nun zum Abschluss die zarten Töne vom Beginn. Sie bäumt sich nochmals auf, die Klangwolke, um sich dann auszustrecken und in einem glitzernden Fluss zu versiegen.

Meine Seele versiegt mit…

COUCH-GESCHICHTEN

COUCH-GESCHICHTEN 21.22 – Der Irrweg

Sie stand damals an einer Weggabelung und entschied sich für den linken Weg.
Er war link.
Der rechte Weg wäre
recht gewesen.

Aber sie traf diese Entscheidung.

Und diese Entscheidung bescherte ihr scheinbare Unbeschwertheit und Leichtigkeit, sodass sie nicht darauf achtete, wie ihre eigentlichen Werte mit den Füßen getreten wurden. Werte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Geduld, Frieden und Liebe. Eine vermeintliche Freundschaft ließ sie in dem Glauben, diese sei echt. Sie hatte es versäumt, genau hinzusehen und hat sich forttragen lassen von süßem Lob und ihrer eigenen Harmoniesucht.

Einmal war sie schon sehr nachdenklich, als sie merkte, dass dieser Freund genau das Gegenteil sagte von dem, was er ihr früher gesagt hatte. Aber sie beruhigte sich mit dem Gedanken oder Glauben, dass Menschen sich ändern können.

Nun steht sie neuerlich an einer Weggabelung, einer Querstraße, die eine Richtung ist genau entgegengesetzt zur anderen. Die Entscheidung ist schwierig, aber die Erfahrung lehrt sie, Links als link zu sehen und Rechts als recht.

Dieses Mal entscheidet sie sich für Rechts.

Sie beginnt diesen Weg zu gehen und erkennt die fatalen Folgen des linken Weges, den sie gegangen war. Und da ist sie traurig über ihre Naivität. Einen Irrweg des Denkens hatte sie damals eingeschlagen.

Sie weiß, dass sie die Folgen der falschen Entscheidung tragen muss…

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COUCH-GESCHICHTEN 20.22 – Das Wortblumengeschenk