COUCH-GESCHICHTEN

COUCH-GESCHICHTEN 7.22 – Der Walzer

Gebeugt sitzt sie auf dem Sessel vor dem Tisch und näht. Teil um Teil fügt sie mit kleinen Nadelstichen aneinander. Es sind Sechsecke in verschieden Farben und Mustern. Sorgfältig hat sie diese vorher ausgeschnitten und nach einer Vorlage geordnet.

Sie ist traurig. Ihre Gedanken sind meilenweit entfernt von ihrer Arbeit. So vieles hatte sie sich vom Leben erhofft. Geträumt hatte sie und sich in ihrer Jugend ausgemalt, wie es mal sein würde, wenn sie erwachsen ist. Viele Kinder wollte sie, eine ganze junge Schar. Aber das ist nicht eingetroffen.

Im Hintergrund Musik. Der Radioredner kündigt einen Walzer an.

Als ihre Ohren die ersten Töne der Musik aufnehmen, blickt sie ungläubig auf. Es war der Walzer, den sie als junges Mädchen gerne gehört hat. Sie fühlt sich zurückversetzt in ihre Jugend. Sie atmet tief durch und richtet sich auf.

Der Walzer

Die Noten fließen ihr zu, erinnern an vergangene aufgenommene Töne. Leicht wiegt sie ihren Oberkörper im Rhythmus des Dreivierteltaktes. Die Musik nimmt sie an der Hand, im Walzertakt lässt sie sich forttragen. Ihre Füße beginnen zu zappeln. Dann kann sie sich nicht mehr halten, sie steht auf und beginnt sich im Kreis zu drehen, erst zaghaft, dann schon schneller. Die Musik reißt sie mit. Schwungvoll und elegant bewegt sie sich durch den Raum. Im Vorbeirauschen am Radio dreht sie am Lautstärkeknopf. Immer mehr wächst sie empor, von der gebeugten Haltung ist nichts mehr zu sehen.

Jetzt war sie wieder da, diese Leichtigkeit, der jugendlichen Frische…

Sie ist schon ganz außer Atem. Die Musik spitzt sich zu und endet in einem fulminanten Schluss.

Der Walzer der eben noch den Raum erfüllte verhallt. Was bleibt ist ein Zauber der sie aufhorchen lässt und in Aufbruchstimmung versetzt. Sie fühlt sich jung wie selten und wird sich bewusst, dass zwar der Körper altert, aber der Geist nicht.

Sie nimmt sich vor, mehr darüber nachzudenken…

—–

COUCH-GESCHICHTEN 6.22 – Der Garten

COUCH-GESCHICHTEN 8.22 – Die Farbe Weiß II

MOMENTE

MOMENT 4.20 – Ungeduld

Ich sitze da, gehe ganz in mich, ganz tief in mich. Was ist das heute?

Meine Füße zappeln, ich kann meine Finger nicht ruhig halten. Geschlafen habe ich gut, heute Nacht. Ich genieße die warmen Temperaturen draußen. Eigentlich sollte ich meine Hausarbeit erledigen, Wäsche waschen, bügeln und mehr. Aber ich habe einfach keine Lust dazu.

Ich möchte schreiben, weiterschreiben an meinem Buch. Allerdings fehlt es mir an Geduld beim Schreiben. Kaum habe ich einige Worte geschrieben, möchte ich schon weiter sein, weiter vorne im Geschehen.

So wird das nichts.

Durch diese Ungeduld leidet die Qualität des Textes, den ich niederschreibe.

Ich habe mich verstrickt in den längst vergangenen Ereignissen, kann oft Erinnerungen zeitlich nicht mehr richtig einordnen.

Nun, ich werde versuchen dieses Erinnerungsgewirr zu lösen. Werde den Anfang suchen und das Ende und dazwischen die Ereignisse auffädeln wie Perlen auf einer Schnur…

 


MOMENT 3.20 – Mein Buch

MOMENT 5.20 – Schwarzes Loch